lacomix

Zeitungsartikel in der "Welt" vom 28.04.2015

Unter 1,80 Meter kommt hier keiner rein

Im „Klub Langer Menschen“ treffen sich alle, die besonders hoch gewachsen sind. 180 Zentimeter muss man als Frau sein,
damit man eintreten darf. Doch warum brauchen lange Menschen einen eigenen Verein?
Von Sophie Lübbert
 
 

Manche Vereine sind sehr exklusiv. In diese exklusiven Vereine kommt man nur hinein, wenn man entweder sehr viel zahlt oder sehr viel leistet. Und dann gibt es auch noch Vereine, die so exklusiv sind, dass nicht einmal Geld oder Leistung etwas bewirken können.

Einer dieser so exklusiven Vereine ist der Klub Langer Menschen (KLM). Die Mitgliedschaft in diesem Klub kann man nicht kaufen, man kann sie nicht durch Leistung erarbeiten. Um in diesen Klub aufgenommen zu werden, kann man nur eines: wachsen. Denn der Klub Langer Menschen nimmt ausschließlich Mitglieder auf, die mindestens 180 Zentimeter (Frauen) oder 190 Zentimeter (Männer) groß sind.

Knapp 120 Mitglieder hat der KLM in Hamburg, und sie haben sich an diesem Abend alle versammelt, um zu feiern. Nicht nur, dass sie alle so groß sind, sondern vor allem auch, dass es ihren Verein bereits seit 60 Jahren in der Hansestadt gibt. Sie haben für dieses Jubiläum extra einen großen Festsaal in einem Hotel gemietet, natürlich in der höchsten Etage.

Nach und nach treffen immer mehr der Mitglieder im Festsaal ein; sie sind alle wirklich enorm groß, manche der Frauen tragen dazu noch hohe Schuhe. Sie kennen sich untereinander, alle 120, sie begrüßen sich fröhlich, lachen miteinander und reden darüber, wie schön es ist, dass es den KLM gibt.

 

Doch warum gibt es den KLM überhaupt? Warum treten 120 lange Menschen in einen Verein ein, der nur für lange Menschen da ist? Was bringt ihnen das? Ist man sich automatisch sympathischer, wenn man über 180 Zentimeter groß ist? Dazu können die meisten Mitglieder an diesem Jubiläums-Abend erst einmal gar nichts sagen. Doch dann erzählen sie alle eine ähnliche Geschichte.

Das Leiden an der Körpergröße

Zum Beispiel Gesa Fritsche. Sie ist gerade eben zur Tür des Festsaales hineingekommen, trägt ein lilafarbenes Abendkleid und ebenfalls hohe Schuhe. „Die hätte ich früher nie angezogen“, sagt sie, „das traue ich mich nur, seitdem ich hier im KLM bin.“ Gesa Fritsche ist 47 Jahre alt, 185 Zentimeter groß, und dass sie in diesem Verein ist, hat nichts damit zu tun, dass sie stolz auf ihre Größe wäre oder exklusiv sein möchte.

Ganz im Gegenteil: Sie hat – wie viele KLM-Mitglieder – lange unter ihrer Größe gelitten. „Besonders als Kind war es schlimm“, sagt sie. Als sie in die Pubertät kommt, wird alles noch ein wenig schlimmer. Denn Gesa wächst weiter, wächst bis sie 185 Zentimeter und größer ist als alle männlichen Mitschüler. „Dabei wollte ich einfach nur normal sein“, sagt sie, „aber stattdessen fiel ich immer mehr auf.“

Dann fängt auch noch die Sache mit der Liebe an. „Ich wollte so gern wie alle anderen einen größeren Freund haben“, sagt sie, „einen, der einen Kopf größer ist. Aber es gab keinen.“ Also versucht sie es mit kleineren Männern – doch das geht immer schief. „Einmal hat sich einer vor mich hingestellt und ist auf eine Bierkiste geklettert, um mich zu küssen. Das fand ich so absurd, da hab ich mich umgedreht und bin gegangen.“

Irgendwann ist sie kurz davor, aufzugeben und sich damit zu arrangieren – damit, dass sie wohl keinen passenden Mann finden wird. Damit, dass sie ein wenig anders ist als alle anderen. Damit, dass sie immer aus der Masse herausragt. Und damit, dass sie immer unter ihrer Körpergröße leiden wird.

Schnell hatte der Klub Ableger in ganz Deutschland

„Dann habe ich aber vom KLM gehört“, sagt sie, „und alles war plötzlich viel besser.“ Denn der KLM in Hamburg wurde 1955 für genau solche Menschen wie sie gegründet. Von genau solchen Menschen wie sie: Menschen, die unter ihrem großen Körper litten. Denn damit fielen sie auf, mussten sich schräg anschauen lassen, konnten keine passende Kleidung für ihre Länge finden.

Schließlich riefen sie den Klub langer Menschen ins Leben. Damit, glaubten sie, konnten sie auf ihre Situation aufmerksam machen, Verbesserungen erreichen, eine Steuervergünstigung für große Menschen wegen deren höheren Lebenshaltungskosten etwa.

Das mit der Steuervergünstigung klappte zwar nicht so richtig, nämlich gar nicht – aber sie behielten den Klub als einen Verein bei, in dem sich große Menschen treffen. Der kam so gut an, dass er schnell größer wurde, in ganz Deutschland eröffneten Ableger, ob in Bielefeld oder Berlin, zu Hochzeiten gab es 3500 Mitglieder insgesamt.

„Als ich das damals gelesen habe, fand ich es sofort interessant“, sagt Gesa Fritsche. Sie ging zu einem Treffen des KLM und war so begeistert, dass sie direkt in den Verein eintrat. Dafür musste sie sich nicht mit dem Maßband ausmessen lassen, sondern nur eine (nicht sehr große) Aufnahmegebühr von drei Euro zahlen.

Der KLM-Ball - viel Spaß und neugierige Hotelgäste

Der KLM hat für seine Mitglieder ein sehr straff organisiertes Vereinsleben. Wer die fünf Euro monatlichen Mitgliedsbeitrag bezahlt, der erhält nicht nur das Vereinsmagazin „Große Glocke“ (mit medizinischen Tipps für lange Menschen, Werbung für spezielle lange Produkte und Artikeln über das Langsein an sich, geschrieben von langen Menschen für lange Menschen). Er kann auch bei KLM-Wanderungen, KLM-Fahrradtouren, KLM-Tanzabenden, KLM-Kanufahrten, KLM-Reisen, KLM-Bowling-Turnieren oder KLM-Bällen wie an diesem Abend mitmachen.

„So ein Ball wie heute Abend ist natürlich das Tollste“, sagt Gesa Fritsche, „aber ich habe lange bei eigentlich allem mitgemacht, bei dem KLM davorstand und ich hatte bei allem sehr viel Spaß. Klar, das kann man alles auch außerhalb dieses Vereins tun, aber es ist eben ein ganz anderes Gefühl, wenn man etwas in der KLM-Gruppe macht.“ Warum? Weil man es mit Leuten zusammen macht, die ebenso groß sind wie man selbst: „Man ist dann endlich nicht mehr die oder der Größte, fällt nicht mehr so auf.“

Zugegeben, einzeln fallen Gesa Fritsche und die anderen Mitglieder zwar nicht mehr so auf – dafür aber umso mehr, wenn sie als versammelte große Gruppe außerhalb ihres Clubs unterwegs sind. Denn dann tauchen dort plötzlich über hundert sehr lange Menschen auf einmal auf und ziehen alle Blicke auf sich – so wie heute Abend in diesem Hotelsaal: Selbst während der Feier schauen immer mal wieder neugierige Hotelgäste herein, manche schmunzeln und machen einen Spruch („Spielt ihr eigentlich alle Basketball?“).

In der Gruppe lockerer und selbstbewußter

Doch das macht angeblich weder Gesa Fritsche noch den anderen KLM-Mitgliedern etwas. „Das ist kein Problem, wenn andere Leute uns neugierig anschauen, über uns tuscheln oder irgendwelche blöden Bemerkungen machen“, sagt Fritsche, denn sie seien in der Gruppe viel entspannter, lockerer und selbstbewusster.

Und deshalb bleiben Gesa Fritsche und die anderen KLM-Mitglieder an diesem Abend auch noch sehr lange auf ihrem Jubiläumsball, um sich zu feiern. Fritsche tanzt auf ihren hohen Schuhen bis zum Morgengrauen, mit Ehemann Ralf, den sie im „Klub Langer Menschen" kennengelernt hat und der mit 201 Zentimetern einen ganzen Kopf größer ist als sie. Es ist Gesa Fritsche egal, wer sie heute Abend dabei beobachtet – da steht sie drüber.